von Held & Narr, Weg & Wind

Wir sehnen unsere eigene Heldenreise still herbei,
wäre sie doch eine Erlösung, ein Versetztwerden in ein leichteres Leben, unser eigenes, richtiges Leben und daher wären die notwendigen Hürden auch halbsowild, schließlich sind wir dann wirklich wir selbst;
und übersehen (oder vielmehr verkennen) dabei:
das können wir auch selbst.

Da wir alle Geschichtenerzähler sind, vor allem uns selbst gegenüber, und mit Geschichten aufgewachsen sind, sind wir auch mit Heldengeschichten aufgewachsen. Sie sollten uns daran erinnern, was möglich ist; was manchmal notwendig ist und doch hat man uns gleichzeitig mit falscher Bescheidenheit als hübsche Beilage gefüttert. Angefüttert, eher, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Dem, den alle gehen, denn Helden gibt es nicht mehr wirklich. Helden gibt es nur selten, und das sind ganz andere, weit weg.

Doch was, wenn nicht? Was, wenn sie näher sind als gedacht? Helden scheinen vor allem für die bedrohlich zu sein, die lieber von sich glauben, daß sie könnten, wenn sie müssten (Potenzial ist wie der Duft frischer Brötchen am frühen Morgen). Unmittelbar zu erleben, daß man sich selbst dafür entscheiden könnte, vielleicht sogar sollte, stellt zuviel in Frage, verunsichert, und läßt die Tassen im Schrank kurz erbeben und klirren.

Ja, vielleicht ist man nur dann ein Held wenn die äußeren Umstände und Menschen einen dazu erwählen. Und sei es, daß niemand etwas sagt und das eigene Gemurmel plötzlich deutlich hörbar gewesen ist. Ein Erwählen war es dann natürlich im Nachhinein, wenn das Gemurmel wichtig und richtig gewesen ist.

Jeder kann sich als sein eigener Held ausprobieren:
sich als Narr auf die Reise begeben und erkunden. Diese ist nur eine Entscheidung eine Aktion, einen Schritt entfernt. Oft, wenn es ganz einfach ist, der Weg kurz und das Wetter absehbar, ist das bedrohlich nah. Dann setzt eine Lähmung ein, die lächerlich und grotesk wirkt.
Und dann, wenn es ein langer Weg ist, der seine unglaublichen Höhen und Tiefen hat, und sich in einer anderen Klimazone befindet an die sich der Körper erst gewöhnen muss, dann ist der Schritt plötzlich federnd und beflügelnd und wir strahlen.
Paradox nicht, aber absurd. Und die Ironie: es ist ein und derselbe Weg. Weil es unser eigener Weg ist; weil wir selbst diesen Weg mit jedem Schritt, jeder Entscheidung, erschaffen und formen.

Der Narr hat, was der Held erst lernt: inneren Frieden und Gelassenheit.
Er weiß, daß alles ein Abenteuer ist, oder sein kann wenn er es dazu erwählt. Und auch, daß die Suppe der Falschen Bescheidenheit die Ursache der Lähmung ist.


Mit September beginnt die dunkle Jahreshälfte, die Ernte und Verarbeitung der Früchte des Sommers. Mein Ernte besteht vor allem darin, Phantasien und Ideen für kreative Projekte endlich an die Hand genommen habe und Wege mit ihnen begehe. Da im Grunde alles, was wir lernen, auf andere Bereiche übertragbar ist, finde ich mich nun auf dem nächsten Fleck Erde stehen, der es kaum erwarten kann, der Beginn eines neuen Weges zu werden; mit diesen Zeilen bereits zu sein. Ich habe lange gedacht, ich ernte nicht richtig oder verarbeite falsch. Doch dieses Jahr spreche ich mit meiner Ernte und gehe intuitive vor. Was sie mir in diesen ersten Wochen erzählt hat, wird mir wie Solarlampen noch bis tief in den Winter hinein meinen Weg beim Gehen erleuchten: ich ernte ganz andere Pflanzen und Früchte sodass keine Empfehlungen der Welt für eine richtige Verarbeitung gesorgt hätten. So befreiend und aufregend das größtenteils ist und mein Leben lang bleiben wird, fordert das auch anderen Umgang von mir im Alltag und mit dem Alltäglichen mit mir.

Ich ersehne mir keine Heldenreise herbei. Erlösung in Form eines einfachen Weges, ja.
Ich bin schon jahrelang unterwegs. Und da ich immer wieder versucht habe, mich ihr zu entziehen, mich zu verstecken, kleinerzumachen, zu verhandeln, hat man mich zwar machen lassen (wir entscheiden schließlich selbst), allerdings wusste ich immer, daß ich nur hinauszögere und mir mein Leben selbst schwer mache. Betäubung jeglicher Art hält immer nur so lange an, und ein friedlicheres Gefühl schafft sie auch nicht, nicht wirklich, nicht lange.

Die Erlösung ist keine von der Heldenreise an sich, sondern der Bedenken und der Angst, sie anzunehmen, sich gar mit ihr zu identifizieren. Sich ihr hinzugeben. Mit dem Strampeln aufzuhören. Denn die Energie braucht es, um sich immer und immer wieder für die Erlösung, den einfachen Weg, zu entscheiden.
In meiner Gesellschaft heißt das: verzögerte Bedürfnisbefriedigung. Die offensichtliche Lösung (einfach das zu tun, was zum Gehen des Weges notwendig ist) anzunehmen. Statt zu sagen, daß das doch zu einfach ist. Der Gedanke leiden zu müssen um etwas zu erreichen ist das Brot zu Suppe der Falschen Bescheidenheit. Es ist trocken und hart und wird selbst in die Suppe getunkt nicht wirklich besser. Weil dieses Gedankengut Gedankenschlecht ist, nicht der Wahrheit entspricht.

Mit dieser ersten wirklichen Ernte lerne ich, nicht mehr verzweifelt meinen Weg, den ich erst noch gehe, im Nebel vor mir ausmachen zu können, sondern mich an den Umrissen der Tannen zu orientieren, die über den Nebel hinausragen. Ich weiß, der nächste Rastplatz kommt bestimmt und dann klärt sich auch der Nebel und ich werde staunen und Mühe haben auch mir klarzumachen, daß ich diesen Weg tatsächlich gegangen bin. Da warten noch interessante Unterhaltungen mit mir auf mich.

Doch zunächst, zurück in die Küche und an den Herd. Einen Tee ansetzen und dann hinausstellen, in den Wind, der alles Alte wegweht und mir vielleicht das ein oder andere verrät, so das Leben ihn läßt.